Martin Luther hielt nichts vom Pilgern, für den Jakobsweg hatte er nur bösen Spott übrig. 500 Jahre später können evangelische Christen nun von Worms zur Wartburg wandern - auch im Sinne der Ökumene
Süddeutsche Zeitung vom 13.08.2016
Hier gehe ich und kann nicht anders
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Von Susanne Höll
Eine
Bibelübersetzung hat Martin Luther den Deutschen beschert und eine neue
christliche Glaubensrichtung sowieso. Protestantische Gotteshäuser sind
nach ihm benannt, Straßen, Plätze und Schulen auch. Rechtzeitig zum
Gedenkjahr 2017 wird ein Luther-Novum präsentiert: Ein Pilgerweg quer
durch die Republik, vom rheinland-pfälzischen Worms über Frankfurt bis
zur Wartburg auf den thüringischen Höhen.
Etwa 400 Kilometer
können Gläubige (und selbstverständlich auch Ungläubige) entlang der
inzwischen fast vollständig ausgeschilderten Strecke wandern. Für Luther
war diese Route 1521 ein Fluchtweg. Auf dem Reichstag zu Worms hatte er
sich geweigert, seinen Glaubensgrundsätzen abzuschwören ("Ich kann und
will nichts widerrufen. Gott helfe mir"), war in Acht gefallen und
vogelfrei. Auf der Wartburg fand er Unterschlupf.
Welche Stätten
der Reformator damals tatsächlich passierte, ist ungewiss. Sicher ist
aber, dass etliche Orte entlang des Weges keine touristischen Magnete
sind. Umso mehr freut man sich dort auf Wandersleute - die essen,
trinken, übernachten, Pflaster kaufen sowie Mützen und Mitbringsel.
Deshalb fördert auch das hessische Wirtschaftsministerium das von einer
kleinen Privatinitiative in Nordhessen erdachte Projekt.
Auch die
evangelischen Kirche unterstützt den Pfad. Das ist insofern
erstaunlich, als Luther ein strikter Gegner religiöser Laufereien war.
Pilgerreisen und Wallfahrten der katholischen Kirche konnte er nichts
abgewinnen, im Gegenteil. Den Gedanken, dass sich der Mensch durch
allerlei anstrengende Unterfangen die Gunst Gottes und womöglich weniger
Zeit im Fegefeuer garantieren kann, fand der Mann aus Eisleben
verwerflich. Für den Jakobsweg nach Santiago de Compostela hatte er nur
bösen Spott übrig: "Wer weiß, wen sie dort begraben haben? Jakobus
sicher nicht. Vielleicht liegt dort ein toter Hund oder ein totes Pferd
im Grab. Bleibt zu Hause!"
Und nun sollen die Protestanten
ausgerechnet auf Luthers Spuren pilgern? Die Dinge haben sich gewaltig
gewandelt in der evangelischen Kirche. Oberkirchenrat Konrad Merzyn,
Leiter des Projektbüros Reformprozess bei der Evangelischen Kirche
Deutschlands und Experte für Freizeit, Erholung und Tourismus, erinnert
sich, dass der Umschwung zum Ende der Neunzigerjahre des vergangenen
Jahrhunderts begann, jener Zeit also, in der auch die Wellness-Bewegung
in Fahrt kam. Der Wunsch nach spirituellen Wanderungen sei aus den
Gemeinden gekommen, von der Basis also, und vom Erfolgsbuch des
katholisch getauften Hape Kerkeling beflügelt worden. "Von oben kann man
so etwas nicht oktroyieren", sagt der Theologe. Und weist darauf hin,
dass die heutigen Gepflogenheiten kaum etwas mit denen des Mittelalters
zu tun hätten. Man knüpfe an frühchristliche Tradition an. Puristische
Protestanten wird das wohl nicht überzeugen. Die halten es lieber mit
Luther und fragen sich stirnrunzelnd, ob als nächstes wohl die
Marienverehrung Eingang auch in die evangelische Lehre finden soll.
Die
Kirchenoberen sind, wie viele Gläubige, dagegen begeistert. Sie bilden
auch Pilgerleiter aus, auch, aber nicht nur für den neuen Lutherpfad.
Knapp vier Dutzend dieser spirituellen Begleiter haben das Programm
bereits durchlaufen. Sie betreuen ehrenamtlich Tagespilger-Gruppen, die
hinter einem geschmückten Kreuz durch Wald und Feld ziehen. Allzu rigide
dürfe man die Pilger nicht führen, sagt die für die Fortbildung
zuständige Pfarrerin Dorothea Hillingshäuser von der Evangelischen
Kirche in Hessen und Nassau. Ein Pilgergang sei schließlich keine streng
organisierte Wandertruppe, wer bummelt, kann mit Nachsicht rechnen. Auf
der Strecke wird meditiert, gebetet und zwischendurch auch geschwiegen.
Anders-
oder Nichtgläubige sind übrigens herzlich willkommen auf der
Reformatoren-Strecke. Nach Konfessionen wird bei Ausflügen der
evangelischen Kirche nicht gefragt. Erste ökumenische Wandergruppen
waren schon gemeinsam unterwegs. Oberkirchenrat Merzyn ist beglückt. Ein
halbes Jahrtausend nach der Kirchenspaltung sei Pilgern ein "schöner
Brückenschlag" für die Ökumene. Das Bedürfnis sei jedenfalls groß.
"Dafür muss man keine Werbung machen", sagt er.
Susanne Höll
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